Rückschau

Eine Dekade Hoffnung
Die Bregenzer Initiative feiert Geburtstag
Von Geseko v. Lüpke

„Hoffnung nicht etwas ist, was man ‚hat‘. Sondern es ist etwas, was aus dem Tun entsteht,“ sagt Joanna Macy, die 85jährige amerikanische Philosophin und Mitbegründerin der weltweiten Ökologie-Bewegung und spricht uns in Gewissen: „Im Kern geht es um die Absicht, bei der Rettung des Lebens auf dem Planeten Erde, dem Aufbau einer gerechten und friedfertigen Gesellschaft eine aktive Rolle spielen zu wollen. Also ist Hoffnung nichts, worauf man warten muss, um Handeln zu können. Aktive Hoffnung kann auch dann aus Deinem Handeln entstehen, wenn Du gerade pessimistisch und ohne Hoffnung bist.“

Als die Bregenzerin Marielle Manahl vor gut zehn Jahren das erste Mal die ‚Projekte der Hoffnung‘ in ihrer Heimatstadt organisierte, mag sie diese verrückte Mischung aus Zukunftssorge und Liebe zum Leben im Blut gehabt haben. Sie wollte zeigen, dass wir nicht am Ende der Zeit leben und kollektiv mit hoher Geschwindigkeit auf eine Wand zu fahren, sondern dass es überall Menschen gibt, die das Lenkrad herumreißen. Menschen wie Du und ich, die es vorziehen, selber etwas zu tun, als darauf zu warten, dass andere es tun. Die nicht länger den Kopf in den Sand stecken, sondern – nicht selten wieder aller Vernunft und entgegen den scheinbaren ‚Zeitgeist‘ – Hoffnung kreieren, die sie selbst fast aufgegeben hatten. Sie fand sie in jenen erstaunlichen Persönlichkeiten, die in den letzten 35 Jahren mit dem ‚Right Livelihood Award‘ ausgezeichnet worden sind. Jenem Preis, der Angesichts der globalen Herausforderungen von Armut und Menschenrechtsverletzungen, von Umweltzerstörung und blinder Profitmaximierung eine ‚richtige Lebensweise‘ belohnt und deshalb nicht umsonst der ‚alternative Nobelpreis‘ genannt wird.
Die PreisträgerInnen sind Menschen, die oftmals das Unmögliche gewagt haben und mit ihren Projekten zeigten, dass es Alternativen zu unserer derzeitigen Lebensweise gibt. Schlaglichter auf die Pioniere des Wandels: Da ist Angie Zelter, Töpferin aus Schottland, die regelmäßig mit Drahtschere und Vorschlaghammer in militärisches Sperrgebiet eindringt und persönlich für Abrüstung sorgt. Da ist die mutige Russin Irina Scherbakova, die alte Menschenrechtsverstöße aufarbeitet und damit Bewusstsein schafft für die demokratischen Mängel heute. Da ist Guillaume Harushimana aus Burundi, der Friedens- und Versöhnungsarbeit zwischen traumatisierten Bürgerkriegsgegnern in seiner Heimat leistet. Da ist der Kindergartenerzieher Alyn Ware aus Neuseeland, der aus der Friedensarbeit mit den ganz Kleinen lernte, wie man Regierungen überzeugt, sich gegen Atomwaffen zu stellen. Nicht zu vergessen die beeindruckende Ruth Manorama, Sprecherin der indischen Kaste der ‚Unberührbaren‘. Oder Ina May Gaskin, die in denn USA für das fast verlorene Recht auf natürliche Geburt kämpft. Dreißig solcher Vorbilder aus aller Welt kamen nach Vorarlberg, und machten Bregenz für ein paar Tage zum alternativen Nabel einer anderen Welt, die möglich ist. Sie gingen an Schulen, waren bei den Eröffnungsgesprächen in Bregenz zu hören und stellten sich Interessierten im Rahmen einer öffentlichen Tagung. Filme, Theater sowie eine Gespräch im ORF-Landesstudio ergänzen das Gesamtprogramm. Im vergangenen Jahr waren es rund 1700 Menschen, die eine oder mehrere Veranstaltungen der ‚Projekte der Hoffnung‘ besucht haben. Möglich werden die Tage durch Unterstützungen der öffentlichen Hand, von Unternehmen, Privatpersonen und Stiftungen.

„Mit ihrer Geschichte ermutigen sie uns, selbst aktiv zu werden und für die Welt, die wir uns wünschen, einzutreten“, unterstreicht Manahl. In Gesprächen und Vorträgen erzählen sie von ihren Erfahrungen, den Schwierigkeiten, denen sie ausgesetzt sind, der Verzweiflung und manchmal auch der Angst. Sie erzählen, von dem, was sie trägt und was sie immer wieder durchhalten lässt. „Mit ihrer Vision von einer besseren Welt legen sie Ideen und praktische Beispiele für ein gutes Leben vor“, ergänzt Christian Hörl.

Im zehnten Jahr schaut man auch selbstkritisch zurück: Gibt es Grund zur Hoffnung für unsere Welt? Haben die Projekte etwas bewegt? Werden die Pioniere der Nachhaltigkeit wie grüne Helden verehrt, haben aber zu wenig regionale Nachahmer? Gelingt es, die Brücke zwischen Menschenrechtsarbeit in Südamerika oder Indien zu den Problemen vor Ort zu schlagen?

Für Initiatorin Marielle Manahl und ihren Kollegen Christian Hörl sind die ‚Projekte der Hoffnung‘ eine Einladung, sich vor Ort umzusehen, wo das Netz des Lebens in Gefahr ist, Ungerechtigkeiten passieren oder Fehlentwicklungen absehbar sind und rechtzeitig Widerstand zu leisten: Gegen TIPP und CETA, Konzernmacht und politische Arroganz. Denn die ‚HeldInnen‘ im Kampf um eine ‚enkeltaugliche Zukunft vermuten sie überall. Bei der Suche nach Antworten auf die großen Fragen der Welt setzen sie auf eine globale Ethik, die auch vor Ort Wurzeln schlagen kann: „Antworten, die geprägt sind von einem ökologisch, kooperativen Weltbild, das davon ausgeht, dass wir alle verbunden sind mit dem Netz des Lebens.“ Und aus dieser Einsicht zu tun, was möglich ist!.

„Wir können uns nicht länger abhängig von irgendeiner ‚Hoffnung‘ machen, um vorwärts zu gehen“, sagt die Philosphin Joanna Macy: „Heute geht um das Vertrauen, dass jeder Schritt, den wir machen, stimmt. Aktive Hoffnung tut, was getan werden will, folgt der inneren Motivation, dem Lebendigen zu dienen und macht sich nicht abhängig, ob es eine ‚Hoffnung‘ gibt. Hoffnung entsteht im Handeln ganz von alleine.